
Die Odyssee ist bekannt als eine der ältesten und wichtigsten überlieferten Geschichten der Menschheit. Sie zeigt uns, wie die damalige Gesellschaft der Griechen funktioniert hat und welche Vorstellungen die Griechen gehabt haben. In diesem Text werde ich genauer auf die Angst von Thronfolgern vor jüngeren Halbbrüdern eingehen und wie dies das Frauenbild geprägt hat. Am Schluss werde ich das Ganze noch aus meiner heutigen Perspektive beurteilen.
Ausgangspunkt ist ein Gespräch zwischen Athene und Telemachos. In diesem Gespräch rät Athene Telemachos, so schnell wie möglich nachhause zu gehen, da ansonsten seine Mutter sich mit einem der Freier vergnügen könnte.
"Du kennst ja die Haltung von Frauen: Jenen, mit denen sie das Lager teilen, schanzen sie möglichst viel zu - die Kinder aus früheren Verbindungen zählen dann nicht mehr viel. […]" (S.116)
Diese Konversation spielt auf ein verheerendes Problem von früher an: Wenn der schon etwas ältere König mit einer anderen, jungen Frau einen Sohn zeugt, bekommt dieser dann oftmals den Vorzug gegenüber dem schon erwachsenen Erstgeborenen. Der älteste Sohn will sich das aber nicht gefallen lassen und so entsteht zwischen den beiden ein Bruderkrieg. Solche Kriege sind für die Bevölkerung eine Katastrophe gewesen, da sie das Volk innerhalb des Königreichs entzweit haben. Dass die Schuld für diese Bruderkriege in der Odyssee den Frauen zugeschoben worden ist, ist ein sehr starker Indikator dafür, dass die alten Griechen die Frau als Sündenbock verwendet haben, obwohl die Schuld meistens – wenn nicht, sogar immer - bei den Männern gelegen hat, die sich mit zu vielen verschiedenen Frauen vergnügt haben. In der Odyssee wird klar, wie unterschiedlich die Akzeptanz von Affären von Männern und von Frauen gewesen ist. Wenn Odysseus auf seiner langen Reise einen Sohn mit Kirke zeugt, haben die alten Griechen diesen Umstand nicht hinterfragt - Im Gegenteil; diese Tat ist als Zeichen starker Männlichkeit angesehen worden. Hingegen hätte Penelope sich während all dieser Jahren einen neuen Mann ausgesucht, dann wäre sie als Verräterin abgestempelt und schlussendlich von Odysseus (der selbst mit anderen Frauen das Bett geteilt hat) oder einem seiner Gefolgsleute umgebracht worden.
Aus meiner heutigen Sicht wirkt diese Einstellung gegenüber den Frauen komplett widersprüchlich, da nicht nur die Frau entschieden hat, dass der König mit ihr schläft, sondern auch der König selbst. Auch der Fakt, dass die Affären von Frauen nicht akzeptiert worden sind, macht in meinen Augen keinen Sinn, da meiner Meinung nach kein Unterschied darin besteht, ob jetzt der Mann oder die Frau jemanden betrogen hat -auf beide Arten und Weisen wurde jemand betrogen. Um das Ganze abstrakt darzustellen; Es kümmert sich ja auch niemand darum, ob jetzt eine Schlange oder eine Katze die Haustiermaus gefressen hat - das Interesse gilt dem Fakt, dass die Maus gefressen wurde. In beiden Fällen wird der Besitzer wütend auf das Tier sein - egal ob Schlange oder Katze.